ÖsterreichStadt, Land, Fluss

WIEN kann auch Paris

Als ich an einem Freitagabend am Hauptbahnhof aus dem Zug steige, liegt warmes Licht über den Fassaden der Ringstraße. Die Straßenbahnen gleiten fast lautlos vorbei, vor der Staatsoper sitzen Menschen auf den Stufen, und die ersten Fiaker rollen durch die Altstadt. Mein Weg führt mich in den Burggarten, jenes grüne Herz zwischen Hofburg und Ring.

Unter alten Kastanien sitzen Studenten auf den Wiesen. Das Palmenhaus aus Glas und Eisen leuchtet in der Abendsonne wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. Dahinter ragen die Kuppeln und Fassaden der Hofburg auf. Während ich auf einer Bank sitze und dem Stimmengewirr lausche, wird mir bewusst, was Wien von vielen anderen Großstädten unterscheidet: Die Stadt besitzt die Monumentalität einer ehemaligen Weltmacht, wirkt dabei aber erstaunlich entspannt. Am nächsten Morgen führt mich mein Weg zur „Albertina“. Schon die Lage hoch über der Staatsoper ist spektakulär. Von der Terrasse schweift der Blick über die Dächer der Altstadt. Wenig später stehe ich in den Prunkräumen der Habsburger. Goldene Wandvertäfelungen, Kronleuchter und kostbare Möbel erzählen von einer Zeit, als Wien Zentrum eines Reiches war, das sich von Böhmen bis weit an die Adria erstreckte. Doch die eigentliche Magie beginnt hinter den historischen Sälen und führt direkt in die Herzkammer der europäischen Kunst.

Vor Monets Bildern verliere ich beinahe das Zeitgefühl. Seine Landschaften scheinen zu flimmern, als würde sich das Licht noch immer über die Leinwand bewegen. Wenige Räume weiter begegnen mir Picasso, Chagall und Cézanne. Dann Klimt und Schiele. Ihre Werke besitzen auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung eine erstaunliche Intensität. Besonders vor Schieles Porträts herrscht jene besondere Stille, die nur große Kunst erzeugen kann. Besucher treten näher heran, betrachten ein Detail und bleiben länger als geplant, nehmen wieder Abstand und zeigen sich begeistert.

In solchen Momenten wird deutlich, dass Wien kulturell längst in einer Liga mit Paris, London, Rom oder New York spielt. Mit Sicherheit sogar komfortabler für den relaxten Spaziergänger. Denn die Wege zwischen den Museen sind kurz, die Atmosphäre entspannt und die Kunst von Weltklasse, so leuchtet wenige Gehminuten entfernt eines der berühmtesten Gebäude der Stadt: die Wiener „Sezession“. Ihre goldene Blätterkuppel glänzt in der Sonne wie eine aufgesetzte Krone. Über dem Eingang steht der Satz, der bis heute ihr Programm beschreibt: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.“

Als Gustav Klimt und seine Mitstreiter Ende des 19. Jahrhunderts hier ausstellten, war dies eine kulturelle Revolution – zu neu, zu ungewohnt waren ihre Sichtweisen. Im Inneren stehe ich schließlich unter dem berühmten Beethovenfries. Fast vierzig Meter lang entfaltet sich eine Welt aus Sehnsucht, Hoffnung und Symbolen. Je länger ich davor verweile, desto mehr Details entdecke ich. Die Sezession wirkt nicht wie ein Museum, sondern wie eine Idee, die bis heute weiterlebt und immer wieder neu interpretiert werden will.

Nach einer Melange im „Café Museum“ wechsle ich hinüber ins MuseumsQuartier. Hier zeigt sich Wien von seiner modernen Seite. Das „Mumok“ erhebt sich wie ein dunkler Monolith zwischen den historischen Gebäuden. Drinnen begegnen mir Andy Warhol, Roy Lichtenstein und die Wiener Aktionisten. Manche Werke irritieren, andere begeistern sofort. Gerade das macht ihren Reiz aus und so soll es in der Moderne sein. Historisches will sich behaupten und muss sich laute Fragen gefallen lassen.

Etwas später wage ich den Sprung vom dunklen Monolithen hinein in die Architektur des Klassizismus und betrete die mächtige Treppe der „Albertina Modern“. Die großzügigen Hallen im Künstlerhaus am Karlsplatz zeigen in wechselnden Ausstellungen, was in der zeitgenössische Kunst aktuell gerade angesagt ist. Hier geht es wahrlich nicht um Kaiser und Imperien, sondern um die Kunst von Maria Lassnig, Arnulf Rainer, Neo Rauch und anderen Heroen des 21. Jahrhunderts. Hier begegnen sich internationale Positionen in lichtdurchfluteten Räumen. Die Ausstellungen wirken oft schroffer und mehr experimentierfreudig als in anderen Bereichen des MuseumsQuartiers. Hier scheint man im unaufgeräumten Kinderzimmer der Moderne angekommen zu sein. Dagegen etwas leiser und persönlicher erscheint mir die Heidi Horten Collection. Nur einen Sprung entfernt von „Albertina“ und Burggarten zeigt sich die helle Außenfassade architektonisch klassisch. Innen überrascht die Sammlung durch eine dezidierte Handschrift der verstorbenen Milliardärin. Das Museum gehört zu den jüngsten Kulturadressen Wiens und überrascht mit Umfang und Klasse einer bemerkenswerten Sammlung. Klimt hängt neben Basquiat, Chagall neben Warhol, Expressionismus trifft auf Pop-Art. Anders als viele staatliche Museen erzählt die Sammlung keine kunsthistorische Pflichtübung, sondern die Geschichte einer Leidenschaft für Kunst und ihrer Vertreter. Gemeinsam zeigen die „Albertina Modern“, das „Mumok“ und die „Horten Collection“ etwas, das viele Besucher an Wien aktuell überrascht: Die Stadt lebt nicht mehr auf Kosten ihrer großen Vergangenheit, ihrer „Kund K“ und „Hotel Sacher“ Historie. Sie hat die Moderne längst trotzig umarmt und verfügt heute über eine Museumslandschaft im Bereich zeitgenössischer Kunst, die sich vor keiner Metropole weltweit verstecken muss.

Am Abend bin ich der Kunst müde und fahre hinaus zum Prater. Während sich das historische Riesenrad langsam in den Himmel hebt, setze ich mich in ein altes Kettenkarussell und lass mich durch den Nachthimmel wirbeln. Wien breitet sich unter mir aus. Die Türme der Altstadt ragen aus dem Häusermeer hervor, die Donau glitzert im Abendlicht und am Horizont zeichnen sich die Hügel des Wienerwalds ab. Ich genieße meine Runden in luftiger Höhe. Unten herrscht Volksfeststimmung. Kinder laufen zwischen den Fahrgeschäften umher, Karussells drehen sich und aus den Buden duftet es nach gebrannten Mandeln. Der Prater ist laut, bunt und lebendig – und damit der perfekte Gegenpol zu den stillen Museumsräumen des Tages.

Der nächste Tag gehört der Hofburg. Ich möchte von zeitgenössischer Kunst zurück in die Realität des Daseins und beginne im „Weltmuseum Wien“ eine Reise rund um den Globus. Maori-Schnitzereien, kunstvolle Objekte aus Afrika, Masken aus Papua-Neuguinea und Schätze aus Asien erzählen von Kulturen, die oft Tausende Kilometer voneinander entfernt entstanden sind. Besonders die Sammlungen aus Ozeanien faszinieren mich. Die kunstvoll geschnitzten Figuren und Zeremonialobjekte zeigen, wie eng Kunst, Religion und Alltag miteinander verbunden sein können. Direkt ein Flur nebenan wartet die Kaiserliche Rüstkammer. Ich hatte einen interessanten Museumsbesuch erwartet. Bekommen habe ich eines der eindrucksvollsten Erlebnisse des Wochenendes.

Die Rüstungen der Habsburger wirken wie Skulpturen aus Stahl. Vor der prachtvollen Rüstung Kaiser Maximilians I. bleibe ich lange stehen. Feinste Gravuren ziehen sich über die Metallflächen. Daneben stehen Turnierlanzen, Schwerter und Helme, die von einer Welt erzählen, in der die Macht nicht nur ausgeübt, sondern auch inszeniert wurde. Manche Turnierrüstungen wirken so massiv, dass man sich kaum vorstellen kann, wie Menschen sich darin bewegen konnten. Gleichzeitig besitzen sie eine erstaunliche Eleganz. Die Rüstkammer erzählt von Kriegen und Herrschern, vor allem aber von Handwerkskunst auf höchstem Niveau. Am Nachmittag zieht es mich noch einmal in eines meiner Lieblingsmuseen der Stadt: das „Naturhistorische Museum“. Schon der monumentale Bau wirkt wie ein Palast des Wissens. Unter der großen Kuppel öffnet sich eine Welt, die Generationen von Besuchern begeistert hat. Besonders die historischen Tiersäle ziehen mich in ihren Bann. Ein mächtiger Elefant scheint mitten im Schritt stehen geblieben zu sein, Raubkatzen lauern in kunstvoll gestalteten Landschaften, und hoch über den Besuchern breiten Adler ihre Flügel aus. Die Präparate stammen teilweise aus einer Zeit, als Naturforscher von Expeditionen aus Afrika, Asien oder Südamerika zurückkehrten. Heute wirken sie wie Fenster in eine Epoche der Entdeckungen. Kinder drücken ihre Nasen an die Vitrinen, Erwachsene bleiben stehen und staunen. Auch ich verliere mich zwischen Wölfen, Bären und Antilopen. Das Museum erinnert in jedem Saal daran, wie groß und vielfältig unsere Welt ist.

Am meinem letzten Tag bleibt selbstverständlich Zeit für einen Kaffee im Café Central. Unter den hohen Gewölben klappern Tassen, Kellner balancieren silberne Tabletts durch den Saal, und durch die Fenster fällt das Licht auf Marmorsäulen und rote Polster. Ein wenig später spaziere ich noch einmal durch die Altstadt, vorbei am Stephansdom, durch enge Gassen und über elegante Plätze. Wien zeigt sich heute noch einmal von seiner schönsten Seite. Als mein Zug schließlich den Bahnhof verlässt, denke ich an die vergangenen Tage zurück: an Monets Licht in der „Albertina“, an Klimts Visionen in der „Sezession“, an die laute und wilde Gegenwartskunst der „Albertina Modern“ und an die überraschende Vielfalt der „Horten Collection“ und des „Naturhistorischen Museums“. Ein verlängertes Wochenende reicht bei weitem nicht aus, um mein Wien wirklich kennenzulernen.

Aber sie reichen, um zu verstehen, warum diese Stadt kulturell auf einer Stufe neben den bekanntesten Metropolen der Welt steht – und warum man immer wieder gern zu ihr zurückkehren möchte.

Wolfgang Siesing
Wolfgang Siesing, Fotograf und Autor ist in Berlin beheimatet und sucht weltweit nach den besonderen Highlights unserer Erde und zuhause vorwiegend seine Brille und Autoschlüssel.

You may also like

Comments are closed.