Europa

SCHWEDEN: Kaffee, Kunst und Küstenwege

Fika – die schwedische Kaffeepause – ist weit mehr als eine Gewohnheit. Sie ist ein Lebensgefühl. Man könnte sie auch als die Kunst bezeichnen, bei Kaffee und Zimtschnecke die Zeit für einen Moment anzuhalten. Fast immer begleitet eine süße Köstlichkeit die dampfende Tasse Filterkaffee. Der Begriff entstand Anfang des 20. Jahrhunderts als spielerischer Silbendreher des Wortes „Kaffi“. Doch wichtiger als die Herkunft des Wortes ist seine Bedeutung: Während einer Fika spricht man über das Leben, über Träume, Erinnerungen und Pläne – nur nicht über die Arbeit. Das Handy bleibt in der Tasche, die Hektik vor der Tür. In den kleinen Cafés, die oft wirken, als hätte die Zeit sie sanft vergessen, wird Fika zum Ritual des Innehaltens. Der Kaffee mag der Anlass sein, doch im Mittelpunkt stehen Begegnungen, Gespräche und das Gefühl, für einen Augenblick ganz im Hier und Jetzt anzukommen.

Schon 1685 erreichte der erste Kaffee Schweden. Seine Erfolgsgeschichte hält bis heute an – selbst in einem Land, dessen Menschen jede freie Minute am liebsten draußen verbringen. Während des Mittsommers entstehen selbst in den kleinsten Dörfern charmante Pop-up-Cafés, die Besucher mit hausgemachtem Gebäck locken. In den übrigen Monaten wandert der Lederbeutel mit Kochkaffee einfach mit hinaus in die Natur, an Seen, auf Felsen und in stille Wälder.

Denn die Natur ist für die Schweden weit mehr als eine schöne Kulisse. Sie ist Heimat, Zufluchtsort und Teil ihrer Identität. Das Jedermannsrecht schenkt jedem die Freiheit, durch Wälder zu streifen, am Ufer eines Sees zu zelten oder in kristallklarem Wasser zu baden – unabhängig davon, wem das Land gehört. Draußen zu sein gilt als essenziell für das Wohlbefinden. Nicht selten verschreiben Ärzte Spaziergänge im Grünen statt zusätzlicher Medikamente.

Auch wir folgen diesem Ruf der Natur. Unsere kleine Gruppe beginnt ihre Reise nahe Mullsjö in Småland auf dem Ryfors Trail. Der Weg führt durch einen Landschaftspark im englischen Stil, der einst von der Familie Sager angelegt wurde. Zwischen alten Baumriesen, offenen Wiesen und stillen Wasserläufen scheint die Vergangenheit noch greifbar. Heute stehen Teile des Gebiets unter Naturschutz. Hier befindet sich auch Schwedens ältester Golfplatz – eingebettet in eine Landschaft, die eher an ein Gemälde erinnert als an einen Sportplatz.

Im Gammelskog, dem „Alten Wald“, tauchen wir ein in eine beinahe märchenhafte Welt. Hohe Kiefern und Fichten ragen in den Himmel, Trockenmauern durchziehen das Gelände wie vergessene Spuren vergangener Generationen. Das Licht fällt gefiltert durch die Baumkronen und lässt Moose und Farne geheimnisvoll leuchten. Immer wieder öffnen sich Lichtungen und geben den Blick frei auf sanft geschwungene Landschaften. Vorbei an der historischen Eisenhütte Ryfors Bruk lernen wir die feinen Unterschiede zwischen Rausch-, Heidel- und Preiselbeeren kennen und kosten den Geschmack des nordischen Sommers.

Alingsås gilt als Schwedens Fika-Hauptstadt – und schon nach wenigen Schritten durch die Altstadt versteht man warum. Kopfsteinpflastergassen schlängeln sich zwischen liebevoll erhaltenen Holzhäusern hindurch, kleine Innenhöfe verbergen Cafés mit blumengeschmückten Tischen, und aus offenen Türen strömt der Duft von frisch geröstetem Kaffee. Der Bach Lillån plätschert durch das Zentrum und verleiht der Stadt eine beinahe poetische Gelassenheit.

Die besondere Cafékultur entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, als viele Frauen in den örtlichen Textilfabriken arbeiteten und kaum noch Zeit zum Backen hatten. Bäckereien übernahmen diese Aufgabe – und schufen damit eine Tradition, die bis heute lebendig geblieben ist.

Hier wirkte auch Jonas Alströmer, jener Unternehmer, der die Kartoffel im 18. Jahrhundert in Schweden populär machte. 1724 brachte er sie aus England mit. Heute gehört sie so selbstverständlich auf den Teller wie der Kaffee in die Tasse. Eine weitere Delikatesse der Region ist der Wrångebäck aus Almnäs Bruk. Der Rohmilchkäse reift viele Monate lang und entwickelt dabei feine Aromen von brauner Butter, Nüssen und würziger Tiefe – ein Geschmack, der lange nachklingt.

Zwischen Göteborg und Alingsås zieht sich der 72 Kilometer lange Gotaleden durch Wälder, entlang von Seen und durch kleine Ortschaften. Besonders charmant: Fast jede Etappe kreuzt eine Bahnlinie. Wer möchte, kann jederzeit eine Pause einlegen und mit dem Zug weiterreisen. Gemeinsam mit Nicke Sundström wandere ich den Abschnitt von Floda nach Lerum. Der Weg folgt dem Fluss Säveån, dessen Ufer zu den ökologisch wertvollsten Landschaften der Region zählen. Während das Wasser leise an den Steinen vorbeizieht, entdecken wir Wasseramseln und Gebirgsstelzen. Nur der schillernde Eisvogel bleibt an diesem Tag ein flüchtiger Traum.

Auf Tjörn, der sechstgrößten Insel der westschwedischen Schären, verschmelzen Kunst und Landschaft auf besonders eindrucksvolle Weise. Im Skulpturenpark Pilane stehen moderne Kunstwerke zwischen eisenzeitlichen Gräbern. Über allem erhebt sich „Anna“, die monumentale weiße Skulptur des spanischen Künstlers Jaume Plensa. Sie blickt schweigend über Hügel und Meer, als würde sie die Zeit selbst beobachten.

Nicht weit entfernt liegt das Nordische Aquarellmuseum in Skärhamn. Direkt am Wasser gelegen, scheint das Gebäude mit den wechselnden Farben des Himmels zu verschmelzen. Die Ausstellungen spiegeln die besondere Verbindung zwischen Kunst, Licht und Landschaft wider, die diese Region prägt.

Dort, wo die Schären allmählich in das offene Meer übergehen, wartet Marstrand. Eine kurze Fährfahrt bringt uns auf die autofreie Insel Marstrandsön. Hoch über den roten Dächern thront die Festung Carlsten und blickt seit Jahrhunderten hinaus auf Wind, Wellen und vorbeiziehende Segel. Nach dem Rundgang beginnt unsere Wanderung rund um die Insel. Der Weg führt über schroffe Granitfelsen, vorbei an versteckten Badebuchten und durch den sogenannten Trollwald. Zwischen knorrigen Bäumen und dichtem Grün wirkt die Landschaft beinahe verwunschen. Ein kleiner Seerosenteich liegt verborgen im Schatten der Bäume wie ein sorgsam gehütetes Geheimnis.

Immer wieder öffnet sich der Blick auf das Meer. Am Leuchtturm Skallens Fyr, dem westlichsten Punkt der Insel, bleiben wir stehen. Die salzige Luft trägt das Rauschen der Wellen heran, Möwen ziehen ihre Kreise über der Küste, und die Weite des Horizonts scheint alle Gedanken mit sich zu nehmen. In solchen Momenten wird verständlich, warum die Natur für viele Schweden weit mehr ist als eine Kulisse. Sie ist Trostspenderin, Inspirationsquelle und Lebensgefühl zugleich.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Geheimnis dieses Landes: in der Fähigkeit, die Schönheit des Augenblicks wahrzunehmen. Sich Zeit zu nehmen für eine Wanderung durch stille Wälder, für eine dampfende Tasse Kaffee oder einfach für einen Moment des Innehaltens, während irgendwo zwischen Meer, Himmel und Kiefernwald die Welt ein wenig langsamer wird.

Susanne Reuter
"Die Welt ist wundervoll, spannend und voller Köstlichkeiten." Sie schreibt über Aktivurlaube (Wandern, Biken, Wintersport), Kreuzfahrten sowie Städte- und Kulturreisen.

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