EuropaMeer und Strand

Die Weisheit des Hippokrates KOS

Da kommt er die antike Freitreppe herunter, wie eine zum Leben erweckte Statue des Zeus. Ein Lorbeerkranz krönt den Mann mit dem weißen Bart und dem leinenen Umhang. Zu beschwörender Flötenmusik schreitet er die geschichtsträchtigen Stufen des Asklepieion hinab. Um ihn herum tragen junge Frauen in weißen Gewändern Insignien des Gelehrten: Körbe mit Heilpflanzen, Palmwedel und eine Schriftrolle mit dem berühmten Eid des Hippokrates. Ein bisschen wie den Göttervater höchstpersönlich verehrt man den Gelehrten aus dem Altertum auf seiner Heimatinsel Kos noch heute

Die meisten Urlauber kommen einzig für einen Badeurlaub auf die Insel nordwestlich von Rhodos. Wer sich aber jenseits der Strände auf die Spuren des Vaters der modernen Medizin begibt, macht überall heilsame Entdeckungen und kommt mit Einheimischen ins Gespräch, die noch heute augenfällig stolz auf Hippokrates sind.

Jahr für Jahr schlüpft ein Laienschauspieler in der wichtigsten Ausgrabungsstätte von Kos in die Rolle des antiken Arztes. Vor dem Altar des Asklepios, Sohn des Appolon und Gott der Heilkunst, stellt er den Eid des Hippokrates nach.

„Hippokrates ist für mich einer der zehn Größten der alten Griechen“, sagt Nikolaos Papantoniou, der Leiter der Leiter der Internationalen Hippokrates-Stiftung auf Kos. „Bereits vor 2500 Jahren hat er die westliche Medizin begründet und die Basis für die Bioethik gelegt“.                                    

Als Hippokrates auf Kos lehrte, stand anstelle des Asklepieion wohl nur ein kleiner Tempel für Apollon. Erst nach seinem Tod wurde aus der Kultstätte ein bedeutendes Heilzentrum. Heute ist die eindrucksvolle Terrassenanlage eine der meistbesuchten Touristenattraktionen der Insel.                  

Im Botanischen Garten der Hippokrates-Stiftung,   weniger als einen Kilometer Luftlinie vom Asklepieion entfernt, weist Papantoniou auf einige der mehr als 250 Heilpflanzen hin, die in den hippokratischen Schriften auftauchen. „Dies ist geweihtes Land“, sagt der Gynäkologe. Nicht nur für Mediziner gibt es hier viel zu entdecken. Auch Urlauber entfliehen in den Garten der Stiftung vor dem bisweilen unerträglichen Rummel an den Badestränden der Insel.

„Eure Nahrung sei eure Medizin, und eure Medizin sei eure Nahrung“, soll Hippokrates seinen Patienten einst mitgegeben haben. Die Einwohner auf Kos scheinen sich dies zu Herzen zu nehmen. „Meine Großmütter wurden 94 und 95 Jahre alt“, sagt Giannis Papadimitriou. „Die älteren Menschen hier schwören dabei auf einen Teelöffel Olivenöl an jedem  Morgen“. Papadimitrious Familie betreibt nahe der Inselhauptstadt Kos die älteste Olivenöl-Fabrik der Insel. Wer dem Olivenbauer durch die nahen Ölbaumhaine folgt, lernt viel über das flüssige Gold Griechenlands.  Ob Hippokrates seine Salben einst aus den Hamades-Tafeloliven herstellte, die man fast nur auf Kos findet? „Jedenfalls wusste er um die Heilkraft des Olivenöls, seine entzündungshemmende Wirkung und den Nutzen für die Haut und das Herz“, sagt Papadimitriou.

Ganz im Westen der Insel nahe der spärlichen Ausgrabungen vom Astypalaia, der antiken Inselhauptstadt, wo Hippokrates der Tradition nach geboren wurde, erfüllt das Summen der Bienen den späten Nachmittag. Die Kefalos-Halbinsel ist neben dem Dikeos-Gebirge der wohl einzige Ort, wo Wanderer selbst in der Hauptsaison dem Touristenansturm entkommen können. Mehr Stille findet dann nur noch, wer sich auf die kleineren Nachbarinseln wie Kalymnos, Tilos oder Nisyros übersetzen lässt.

„Unser Honig stammt von all den Inseln ringsum“, sagt Dionysia Anthouli. „Dort sammeln die Bienen Pollen von wilden Kräutern wie Origano, Salbei und Lavendel“. Gerade hat die 48-jährige ein Holzrähmchen mit Bienenwaben aus einer weißen Zarge gezogen.  Mehr als 650 Bienenstöcke beliefern das Familienunternehmen Melissa, das bereits in dritter Generation Honig vertreibt. Selbstredend wusste bereits Hippokrates vom Honig als Allheilmittel und empfahl Fieberkranken seine Wirkung in Salben.. In seinem Geiste schwört Anthouli auf Pinienhonig bei Entzündung der Atemwege und Lungenkrankheiten und auf den aromatischen Thymianhonig bei Halsschmerzen, Verdauungsproblemen und Hautausschlägen.

In Marmari an der Nordküste der Insel führt Erika Mastorou gerade eine Patientin auf einem geduldig dahintrottenden Pferd über den Außenplatz ihres Reitstalls. Auch sie wähnt sich bei ihren Therapien in den Fuß- oder besser gesagt: in den Hufspuren von Hippokrates, dessen Name im Deutschen so viel wie „Kraft des Pferdes“ bedeutet. Auf ihrem Hof nahe des langgestreckten Marmari-Strands bietet die Hippotherapeutin für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Autismus-Spektrum-Störungen Behandlungen auf und mit Pferden an. „Erst während meiner Ausbildung wurde mir bewusst, dass Hippokrates gewissermaßen der erste Pferdetherapeut war“, sagt Mastorou. „Er empfahl  zum Beispiel Kriegsverletzten das Reiten, um an Körper und Seele zu gesunden.“ Auch für Urlauber bietet die Insulanerin Reitausflüge an.

Von Mastorous Reitstall trägt das Pferdchen den Urlauber an den stillen Salzsee von Tigaki. Von dort geht es weiter durch wogendes Strandgras ans Meer. Möwen kreischen. Seevögel steigen ins letzte Blau auf, während die Sonne im Ägäischen Meer versinkt. Die Reitausflügler kehren mit den letzten Tageslicht und einem Lächeln im Gesicht zurück. Sie schätzen sich glücklich, dass sie ihren Kos-Urlaub nicht allein an überfüllten Badestränden verbracht haben. Wie sagte schon der alte Hippokrates: „Der Arzt behandelt, die Natur heilt“ und „Heiterkeit entlastet das Herz“.

HIN UND ZURÜCK:

Ferienflieger wie Eurowings (www.eurowings.com) fliegen ab Mitte April nonstop von mehreren deutschen Flughäfen nach Kos. In der Nebensaison kommt man vor allem mit Aegean Airlines (www.aegeanair.com) über Athen auf die Insel. Alternativ ist eine Anreise auch mit der Fähre ab Piräus (www.ferries.gr) möglich.

UNTERKÜNFTE:

Das Strandresort Luxme Kos Imperial ganz im Osten der Insel liegt unweit des Psalidi-Schutzgebiets und der Embros-Therme. Sein Elixir Spa setzt ganz auf von Hippokrates inspirierte Treatments.

Das Casa Paradiso am Marmari-Strand lockt vor allem Familien mit seinem Kids Club und in eine Gartenlandschaft eingebetteten Pools.  www.grecotel.com

VERANSTALTER:

Select Luxury Travel stellt individuelle Reisen auf die Dodekanes-Inseln und zu anderen ausgewählten Zielen in Griechenland zusammen. www.select-luxury.travel

WEITERE INFORMATIONEN:

www.discovergreece.com

copyrights: Win Schumacher

Win Schumacher
Win Schumacher berichtet als freier Autor für verschiedene Zeitungen, Nachrichtenseiten und Magazine. Im Fokus seiner Arbeit stehen vor allem Naturreiseziele und Artenschutzprojekte in aller Welt. Seine Reportagen wurden unter anderem mit dem Columbus-Preis für junge Autoren, dem Meridian- und Karibik-Journalistenpreis ausgezeichnet.

You may also like

Comments are closed.