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Seeräuber-Sehnsucht

Verfluchtes Seemannsgarn! Gott weiß, wer vor Urzeiten diese Sagen von Piratenschätzen im Bergwald von Saint Kitts in die Welt setzte. Wenn, wie an diesem Nachmittag, ein heftiger Tropenschauer die Dschungelpfade am Mount Liamuiga in schmierige Schlammpisten verwandelt, ist die Entdeckerlust schnell verflogen. Mag sein, dass die Tropeninsel einst dem guten alten Captain Blackbeard als Versteck dienste. Schon möglich, dass der berüchtigste aller Seeräuber seine Beute von schwer beladenen Handelsschiffen hier im Dickicht an den Flanken des höchsten Vulkangipfels von Saint Kitts vergrub. Unter gigantischen Baumfarnen und anderen Urwaldriesen wären sie mit Sicherheit gut aufgehoben. Doch Touristen – und selbst Piraten-Fans – sind nun einmal nur begrenzt leidensfähig, selbst wenn es um die Suche nach Schätzen legendärer Freibeuter geht.

Auf Besucher der Kleinen Antillen üben die Geschichten von Seeräubern und ihren vermeintlich noch immer verborgenen  Reichtümern eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Legenden über Seeräuber gibt es unzählige auf den Kleinen Antillen zwischen den Jungferninseln östlich von Puerto Rico und dem der Küste Venezuelas vorgelagerten Trinidad. Gesicherte Quellen über ihr Leben zwischen den verstreuten Inselchen, wo sie vor allem im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert ideale Verstecke zwischen ihren Raubzügen fanden, gibt es indessen weit weniger. Historiker bezweifeln eine große Anzahl an vergrabenen Schätzen auf den Antillen, wie sie der Schotte Robert Louis Stevenson in seinem Roman „Die Schatzinsel“ zum Mythos machte. Sichtbare Spuren aus der Blütezeit der Piraterie sind in der Karibik nur wenige erhalten. Einige Unesco-Welterbestätten der Antillen versetzen Touristen jedoch bis heute in das goldene Zeitalter der Seeräuber zu Lebzeiten Blackbeards – etwa auf der rund 100 Kilometer östlich von Saint Kitts gelegenen Insel Antigua.

„Nelson’s Dockyard ist die letzte Schiffswerft aus georgianischer Zeit, die bis heute in Betrieb ist“, erklärt Desley Gardner von der einzigen Unesco-Welterbestätte des Inselstaats Antigua und Barbuda. „Dieser Ort ist weltweit einzigartig.“ Die Anlage mit historischem Dock und etlichen erhaltenen Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert, gibt einen lebhaften Eindruck davon, wie sich die englischen Kolonisatoren in der Karibik einrichteten. In English Harbour, einem malerischen, von Kanonen bewachten Naturhafen zwischen bewaldeten Hügeln gelegen, waren die Schiffe hier auch weitgehend von den auf den Antillen berüchtigten Hurrikanen geschützt. Heute schlendern Kreuzfahrt-Touristen durch den historischen Hafen, in dem gerade etliche schicke Segelyachten liegen.

Während der Hurrikan Melissa im Oktober eine Spur der Verwüstung vor allem auf den Großen Antillen, Jamaika, Kuba und Hispaniola hinterließ, blieben die südöstlich davon gelegenen Kleinen Antillen in diesem Jahr weitgehend verschont.

„Nelson’s Dockyard wurde nie von Feinden eingenommen“, sagt Gardner, „auch die Piraten, die sich in der Gegend herumtrieben, trauten sich nie, den geschützten Hafen zu bedrohen.“ Seeräuber wie Edward Teach, besser bekannt als Blackbeard, der die Gegend erstmals um 1716 unsicher machte, mussten sich mit leichterer Beute zufrieden geben, die sie den Schiffen auf offener See vor Antigua raubten.

Heute gehören die Kleinen Antillen zu den beliebtesten Kreuzfahrtzielen der Welt. Mit dem rauen Freibeuterleben unter schmutzigen, zerfledderten Segeln in der Zeit des berühmtesten aller Seeräuber hat eine Schiffsreise durch die Karibik freilich wenig gemein. Einige Reedereien bieten jedoch auch ein Inselhopping unter Segeln an. Auf der „Sea Cloud Spirit“ etwa, einem Dreimaster mit traditioneller Takelage, werden die insgesamt 28 Segel noch immer mit Hilfe einer Schar Kadetten von Hand gesetzt. Die „Sea Cloud Spirit“ bricht in den Wintermonaten auf mehreren Routen durch die Kleinen Antillen vom französisch-niederländischen St. Martin auf.

130 Kilometer südlich von Antigua steigt Bert Hofmann auf einen Hügel, auf dem eine mächtige Festung thront. Vom Fort Napoléon auf Terre-de-Haut hat man eine einzigartige Aussicht auf die Inselchen ringsum. Die Festung überblickt die  Hauptinsel des Guadeloupe vorgelagerten Archipels Îles des Saintes. Ähnlich wie die Brimstone Hill Fortress auf St. Kitts, die seit 1999 zum Unesco-Welterbe gehört, gibt die mächtige Wehranlage einen eindrucksvollen Eindruck von den kriegerischen Auseinandersetzungen, die sich die europäischen Seefahrer über Jahrhunderte um die Antillen lieferten.

„Nicht weit von hier haben sich zwei der entscheidendsten Seeschlachten nicht nur der lokalen, sondern auch der Weltgeschichte abgespielt“, erklärt der Karibik-Experte, Politikwissenschaftler und Professor an der Freien Universität Berlin. Auf Wanderungen erklärt er Passagieren der „Sea Cloud Spirit“ kulturgeschichtliche Stätten und ihre Bedeutung für die Gegenwart. 1666 und 1782 lieferten sich Engländer und Franzosen vor dem „Gibraltar der Antillen“ verlustreiche Seeschlachten unter aufgebauschten Segeln, die schließlich den Briten eine Vormachtstellung in der Region sicherte. Guadeloupe und die Îles des Saintes blieben letztendlich aber bis heute französisch.

Nach dem Überseedepartement steuert die „Sea Cloud Spirit“ ein weiteres Unesco-Welterbe an. Die Vulkane und Wälder des Mont Pelée gehören zu den spektakulärsten Naturlandschaften der „Inseln über dem Winde“. So fasst man die Inselgruppe der Kleinen Antillen zusammen, die sich östlich von Puerto Rico bis Trinidad und Tobago vor der Nordostküste Südamerikas wie eine Perlenkette aneinanderreihen. Bei einem Ausflug in den dichten Bergdschungel kann man sich auf Martinique auf die Suche nach Vogel- und Amphibienarten machen, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Der Mont Pelée war 1902 für den Vulkanausbruch mit der größten Opferzahl des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Die  Eruption zerstörte innerhalb weniger Minuten die bis dato als „Paris der Antillen“ gepriesene Inselhauptstadt Saint-Pierre fast vollständig. Bis zu 30.000 Menschen sollen der Katastrophe zum Opfer gefallen. Nur ein einziger Mann überlebte den Ausbruch in der Innenstadt. Der Gefangene Ludger Sylbaris verdankte sein Leben, dass er hinter besonders dicken Mauern eingekerkert war. Seine unterirdische Zelle kann heute von Touristen besucht werden. Neben den Ruinen des alten Saint-Pierre lohnt auch ein Spaziergang durch die Straßen des wiederaufgebauten, heute eher geruhsamen Hafenstädtchens. Auf keinen Fall sollten sich  fitte Wanderer jedoch den Aufstieg auf den Vulkan, den mit 1395 Metern höchsten Berg der Insel, entgehen lassen.

Auch die südlich von Martinique gelegene Nachbarinsel St. Lucia hat Ihr eigenes Weltnaturerbe. Die abenteuerlich steil aus dem Meer aufragenden Pitons von Saint Lucia zählen zu den markantesten Landschaftsbildern der Karibik und sollen lange als Piratenversteck gedient haben.

Im 17. und 18. Jahrhundert zankten sich Franzosen und Briten ununterbrochen um die Insel, bis die Engländer sich 1814 endgültig durchsetzten. In Folge blieb die Insel auch nach ihrer Unabhängigkeit 1979 Mitglied des Commonwealth.

Vor allem wegen seiner fantastischen Kulisse mit den zwei Pitons lässt heute kaum ein Kreuzfahrtschiff St. Lucia auf seiner Route durch die Kleinen Antillen aus. In „Fluch der Karibik“ bilden die Dschungelberge die dramatische Kulisse für Captain Jack Sparrows Abenteuer.             „Glaubt man alten Geschichten, hat Blackbeard in St. Lucia seinen legendären Schatz versteckt, sagt Sheldon Leon, während er eine Gruppe Kreuzfahrer durch üppigen Bergdschungel auf dem Tet-Paul-Wanderweg führt. Schillernde Purpurkehl- und smaragdfarbene Antillenhaubenkolibris schwirren an den Ausflüglern vorbei. „Wen würde es schon überraschen, wenn irgendwo hier oben einmal tatsächlich ein altes Piratenversteck entdeckt wird?“, fragt der 48-jährige Guide. Vom höchsten Aussichtspunkt haben die Wanderer eine atemraubende Weitsicht über den Dschungel hinüber zum Petit Piton. Ein Großteil der schroffen Steilhänge wurde wohl noch nie von Menschen betreten und dürfte sich einst als Versteck für goldgefüllte Truhen sicherlich angeboten haben.

Von St. Lucia fährt die „Sea Cloud Spirit“ weiter nach St. Vincent. Ungewöhnlich ist die Route für Kreuzfahrtschiffe keineswegs. Im Gegensatz zu den meisten Ozeanriesen legt das Dreimast-Vollschiff jedoch nur selten in den Hafenstädten, sondern vor allem in entlegenen Buchten oder vor kleinen Inselchen an. So lässt sich der Massentourismus, der längst zum Alltag der meisten Antilleninseln gehört, vornehm umsegeln. Ohnehin verbindet eine Karibikreise auf dem Großsegler nur wenig mit einer klassischen Kreuzfahrt durch die Antillen. Die „Sea Cloud Spirit“ bietet maximal 136 Gästen Platz, dagegen beherbergen einige der größten Kreuzfahrtschiffe mehr als 5000 Passagiere.

Vom obersten Deck ist längst La Soufrière sichtbar, der höchste Berg von St. Vincent und den Grenadinen. Der 1220 Meter aufragende Vulkan ist noch immer aktiv. 2020 und 2021 ist er zum letzten Mal ausgebrochen. Nicht weit von hier erbeutete Blackbeard 1717 das französische Sklavenschiff „La Concorde“ und rüstete es als „Queen Anne’s Revenge“ zum Flaggschiff seiner berüchtigten Flotte um.

Die „Sea Cloud Spirit“ setzt ihre Passagiere heute vor den Tobago Cays ab, wo einige Szenen für „Der Fluch der Karibik“ entstanden. Der karibische Zwergstaat, der mit rund 100.000 auf 32 Inseln in etwa so viele Einwohner hat wie Salzgitter oder Trier, soll deshalb zu einem der Hauptdrehorte des Blockbusters geworden sein, weil die Filmcrew angeblich nur hier und auf Dominica noch passende Locations fand, die nicht verbaut oder touristisch zu erschlossen waren.

„Hier drüben auf Petit Tabac haben sie die Szene gedreht, wo Captain Jack und Elizabeth ausgesetzt wurden und sie den Rum in Brand setzt“, sagt Akim Alexander, der als Bootsführer auf seinem Katamaran häufig Punsch zechende Amerikaner auf die postkartenschönen Tobago Cays bringt. „Die Einheimischen waren natürlich ganz aufgeregt, Johnny Depp hier zu haben“, erzählt der 25-jährige, „wann hat man schon mal einen Weltstar aus Hollywood zu Gast auf der Insel?“ Etliche der Kokospalmen aus der Filmszene fielen dem Hurrikan Beryl im Juli 2024 zum Opfer. Für die Katamaran-Ausflügler lohnt sich die Robinsonade jedoch schon allein deshalb, weil sie hier eine aufregende Unterwasserwelt entdecken können. Grellbunte Korallenfische, Seesterne und bisweilen eine unverhofft vorbeischwimmende Meeresschildkröte laden zum Abtauchen ein. Ob irgendwo hier unten noch immer versunkene Piratenschiffe oder gar verschollene Reichtümer ruhen? Manchmal genügen jedenfalls schon eine Taucherbrille und ein Schnorchel für eine Schatzsuche auf den Antillen.

HIN UND ZURÜCK:
Auf dem Winterflugplan verschiedener deutscher Flughäfen stehen Direktflüge auf einige Inseln der Kleinen Antillen. Ausgangspunkt für viele Kreuzfahrtschiffe ist St. Maarten, das z.B. von KLM oder Air France von Amsterdam und Paris angeflogen wird.

KREUZFAHRTEN:
Zahlreiche Reedereien bieten Kreuzfahrten durch die Karibik an. Stilvoller als auf den meisten Ozeanriesen reist man unter Segeln durch die Karibik, etwa auf dem nostalgischen Windjammer Sea Cloud Spirit, www.seacloud.com

VERANSTALTER:
Geoplan Privatreisen stellt maßgeschneiderte Reisen zusammen und berät zu Kreuzfahrten durch die Karibik, www.geoplan-reisen.de

WEITERE INFORMATIONEN:

www.visitstkitts.com
www.visitantiguabarbuda.com
www.st-maarten.com
www.lesilesdeguadeloupe.com
www.martinique.org
www.stlucia.org
www.discoversvg.com

Foto Copyrights: Daniel Heß

Win Schumacher
Win Schumacher berichtet als freier Autor für verschiedene Zeitungen, Nachrichtenseiten und Magazine. Im Fokus seiner Arbeit stehen vor allem Naturreiseziele und Artenschutzprojekte in aller Welt. Seine Reportagen wurden unter anderem mit dem Columbus-Preis für junge Autoren, dem Meridian- und Karibik-Journalistenpreis ausgezeichnet.

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