AfrikaHot News

Zwischen Magie und Wahnsinn – eine Liebeserklärung mit Augenzwinkern MARRAKESCH

Ankunft: Wo das Chaos einen herzlich umarmt und nicht mehr loslässt

Ich stehe also da. Mein Rucksack fühlt sich an, als hätte ich heimlich einen rebellischen Dromedar-Nachwuchs hineingequetscht, die Hitze kitzelt mir bereits die ersten salzigen Perlen auf die Stirn, und vor mir erhebt sich eine ockerfarbene Mauer, hinter der sich, das spüre ich in jedem Knochen, das eigentliche Abenteuer verbirgt: die Medina von Marrakesch. Der Taxifahrer hat mich mit einem Lachen, das nach grünem Tee und Geschäftssinn klang, hier abgesetzt. „Bab Doukkala“, sagt er und zeigt auf ein mächtiges Tor. Dahinter: ein Labyrinth aus Geschrei, Farben und Lebenswillen. Ich atme tief ein. Die Luft schmeckt nach Staub, gedämpftem Minztee, abgasgeschwängertem Benzin und einer so intensiven Würzigkeit, dass ich mich kurz frage, ob ich zufällig in eine riesige, offene Gewürzmühle geraten bin. So also riecht der Einstieg ins pulsierende Leben. Mein Puls pocht bereits in den Schläfen. Los geht’s.

Stilvoll wohnen: Mein Riad, meine Oase, mein Balkon-Thron

Nach etwa siebzehn Mal Verirren, drei freundlichen, aber entschlossenen Führungsversuchen durch junge Männer, die natürlich nur „zum Haus meines Cousins“ gehen, und einer kurzzeitigen Identitätskrise (bin ich Tourist oder wandelnder Geldbeutel?), finde ich es. Eine unscheinbare Holztür in einer der engen Gassen. Sie könnte zu einem Schuppen, einem Versteck oder einem dimensionierenden Portal führen. Ich klopfe.

Dahinter tut sich eine andere Welt auf. Stille umfängt mich. Kühle Luft streichelt mein Gesicht. Ein kleiner, mit blauen Zellij-Fliesen ausgelegter Innenhof, in dessen Mitte ein Springbrunnen plätschert. Orangenbäume duften. Über mir öffnet sich der Himmel durch das offene Dach. Das ist mein Riad mitten in der Medina. Der Stil hier ist nicht minimalistisch, sondern maximal beruhigend. Jedes Detail, von den geschnitzten Zedernholzdecken bis zu den schweren, handgeknüpften Teppichen, schreit: „Leg den Rucksack ab. Atme. Du bist angekommen.“

Doch der wahre Zauber offenbart sich am nächsten Morgen. Mit dem ersten, leisen Gebetsruf der Koutoubia schleiche ich mich im Dunkeln auf die Terrasse. Die Stadt schläft noch ein kurzes, surrendes Schlummern. Ich warte. Dann passiert es. Die Sonne küsst den Minarett-Turm, dann die flachen Dächer der Altstadt, die sich vor mir wie ein ockerfarbenes, welliges Meer ausbreiten. Der Blick über die Altstadt beim morgendlichen Sonnenaufgang ist kein Postkartenmotiv. Es ist ein Versprechen. Ein goldenes, warmes Versprechen, dass dieser Tag voller, lauter, bunter und würziger wird, als ich es mir vorstellen kann. Für diesen Moment allein hat sich die Reise schon gelohnt. Ich thronend auf meiner Dachterrasse, Herr über ein noch schlafendes Königreich aus Gassen und Geschichten.

Der Souk-Semmarine-Taumel: Einkaufen als Kontaktsportart

Gestärkt von diesem majestätischen Moment und drei Gläsern süßem Minztee wage ich mich in die Arena. Der Souk Semmarine ist die Hauptschlagader des marokkanischen Konsums. Hier geht es nicht um bedächtiges Stöbern. Hier geht es um Osmose. Man wird nicht gehen, man wird getragen. Von einem Strom aus Menschen, Eselskarren, rollenden Verkaufsständen und den Rufen der Händler.

Die engen Gassen sind überdacht von Stoffbahnen und alten Brettern, durch die sich Sonnenstrahlen wie neugierige Finger stehlen. Der Duft nach Gewürzen ist hier eine dichte, schmeckbare Wolke: Safranberge leuchten gelb, Paprikapulver rot, Kurkuma orange. Dazwischen schweben Noten von Rosenholz, Amber und gegerbtem Leder. Meine Nase hat einen Sinnesrausch.

Und dann die laut rufenden Händler, die einen permanent zum Kauf animieren wollen. Es ist ein Konzert der Verführung.
„Hello, my friend! Welcome to Morocco!“ „Guck nur, kauf nicht!“ „Special price for you, special price!“ „Where are you from? Germany? Ah, Bayern München! Robert Lewandowski!“ Die Assoziationskette ist beeindruckend. Ein Teppichhändler nimmt mich sanft am Arm. „Komm, trink einen Tee mit mir. Nur Tee. Kein Kauf. Nur schönes Gespräch.“ Ich habe gelesen, dass dies die Anfangsfalle ist. Der berühmte „Berber-Whisky“, also der Minztee. ist das Schmiermittel für jedes Geschäft. Ich lächle, sage „La, shukran“ (Nein, danke) und tauche weiter ein.

Die lokale Handwerkskunst ist überwältigend. Silber-Berberschmuck glitzert in Vitrinen, filigrane Lampen werfen Muster aus Licht und Schatten, Babouchen (Hausschuhe) in allen Regenbogenfarben türmen sich. Ich erliege schließlich einem kleinen, in Leder gebundenen Notizbuch mit marokkanischem Marmorpapier. Der Verkaufsprozess ist ein Tanz aus angebotenen Preisen, gespielter Enttäuschung, herzhaftem Lachen und finalem Handschlag. Ich verlasse den Laden mit dem Gefühl, einen Freund gewonnen und ein Schnäppchen gemacht zu haben (beides wahrscheinlich falsch, aber das Gefühl ist köstlich).

Jemaa el Fna: Das große Schauspiel, bei dem man Zuschauer und Teil ist

Wenn der Souk die Ader ist, dann ist der Platz Jemaa el Fna das schlagende, rauchende, trommelnde Herz von Marrakesch. Am Tag ist er ein interessanter Tummelplatz mit Saftständen, Wasserverkäufern in folkloristischen Kostümen und ein paar schläfrigen Schlangen.

Doch wenn die Sonne untergeht, verwandelt er sich. Das quirlige Leben explodiert. Der Platz füllt sich wie von Geisterhand mit hunderten von Essensständen, deren rote Schirme wie Pilze aus dem Boden schießen. Der Rauch von gegrilltem Fleisch mischt sich mit dem Dunst der riesigen Harira-Töpfe. Das bunte Lichtermeer der Stände, gemischt mit dem Scheinwerferlicht der umstehenden Cafés, taucht alles in ein surreales, theaterscheinwerferhaftes Licht.

Und dann das Programm. Trommelgruppen ziehen Kreise von Zuschauern an. Geschichtenerzähler fesseln mit wilder Gestik ihre meist einheimischen Zuhörer. Doch zwei Dinge trüben mein touristisches Vergnügen gewaltig:

Da sind zum einen die Berberaffen an der Leine. Kleine Affen, mit bunten Windeln bekleidet, werden von ihren Haltern herumgereicht, damit Touristen gegen Kleingeld Selfies machen können. Ihre Augen sind traurig, ihre Bewegungen lethargisch. Es ist traurig zu sehen, wie diese wilden Tiere zu Requisiten degradiert werden. Ich beschließe, diese „Attraktion“ nicht zu unterstützen.

Noch unangenehmer sind die Schlangenbeschwörer. Sie lungern am Rand des Platzes und locken mit ihrer nervigen Flöte, die Pungi genannt wird, meistenteils völlig desinteressierte Kobras aus Körben. Die Schlangen, oft mit dem Mund zugenäht oder ihrer Giftzähne beraubt, winden sich träge. Der Klang der Flöte dringt mir in die Knochen. Es fühlt sich weniger nach Magie, sondern nach Quälerei echte Cobras an. Ich wechsle schnell die Straßenseite.

Die wahre Magie des Platzes liegt für mich an den Essensständen. Ich setze mich auf eine der langen Bänke, bestelle eine Schüssel dampfende Harira (die wunderbare Kichererbsen-Linsensuppe) und beobachte das Treiben. Ich bin mittendrin. Der Lärm ist ein physische Präsenz, ein Bad im pulsierenden Leben. Es ist anstrengend, überwältigend und absolut faszinierend.

Kulturpause: Wenn die Medina mal durchatmet

Nach so viel sensorischer Überlastung braucht es Gegengewichte. Zum Glück hat Marrakesch einige Oasen der Stille zu bieten. Die Koutoubia Moschee Marrakesch, mit ihrem 77 Meter hohen Minarett, ist das unbestrittene Wahrzeichen. Als Nicht-Muslim darf ich zwar nicht hinein, aber der Park davor ist ein perfekter Ort, um das imposante Bauwerk aus dem 12. Jahrhundert zu bestaunen und dem geschäftigen Treiben der Stadt für einen Moment zu entfliehen.

Noch besser gelingt das in Le Jardin Secret. Hinter unscheinbaren Mauern verbirgt sich ein paradiesischer Garten, der in ein exotisches und ein islamisches Gartenreich unterteilt ist. Das Plätschern der Wasserbecken, das Zwitschern der Vögel und der Duft von Rosen und Jasmin sind Balsam für die überreizten Sinne. Hier verstehe ich, warum der Garten in der islamischen Kultur ein Abbild des Paradieses ist.

Für eine Dosis Geschichte und Pracht besuche ich das Musee Dar el Bacha, den ehemaligen Palast des Paschas von Marrakesch. Die aufwendigen Stuckarbeiten, die blumengeschmückten Innenhöfe und die Sammlung historischer Objekte zeugen von einer vergangenen Ära des Reichtums. Das Musee de Marrakesch, untergebracht im prächtigen Dar Mnebbi, ist ähnlich beeindruckend und beherbergt zudem wechselnde Ausstellungen zu moderner marokkanischer Kunst.

Ein Spaziergang durch das Kasbah-Viertel, das ehemalige Regierungsviertel südlich der Medina, offenbart eine etwas ruhigere, aber nicht weniger majestätische Seite der Stadt. Hier stehen die alten Paläste, und die Gassen sind etwas breiter, die Stimmung gediegener.

Gaumenfreuden in der Höhe: Die Rooftop-Revolution

Nach all dem Gewusel am Boden sehne ich mich nach Übersicht. Und die finde ich in den unzähligen Rooftop-Restaurants- und Bars. Abends erklimme ich die engen Treppen eines solchen Lokals in der Nähe der Jemaa el Fna. Oben angekommen, halte ich den Atem an. Der traumhafte Blick über die Medina bei einsetzender Dämmerung ist atemberaubend. Die flachen Dächer, die vereinzelten Palmen, die rauchenden Schornsteine und im Westen das immer präsente Minarett der Koutoubia, das jetzt grün angestrahlt wird.

Dazu gibt es köstliche marokkanische Gerichte wie Tajine oder Couscous und – ein besonderer Bonus – oft auch Live-Musik. Das sanfte Geklimper einer Oud, der melancholische Gesang, unterlegt mit dem ferneren, gedämpften Trommelwirbel vom Platz unten… hier findet das pulsierende Leben in einer entspannten, ästhetisch verdichteten Form statt. Es ist der perfekte Ort, um den Tag Revue passieren zu lassen und Kraft für den morgigen Trubel zu tanken.

Die verborgene Seele: Eine Street-Food-Tour als kulinarische Offenbarung

Um aber wirklich in die authentische Seele der marokkanischen Küche und Kultur einzutauchen, braucht es einen Guide. Ich buche eine Street-Food-Tour in und außerhalb der Medina. Mein Guide, Kamal, ein Marrakchi mit einem scharfen Witz und einem noch schärferen Gaumen, führt mich weg von den touristischen Hotspots.

Er zeigt mir die verborgenen Schätze Marrakeschs: Eine kleine Bäckerei, wo in einem offenen Ofen Sfenj – luftige, frittierte Donuts – goldbraun herausgezogen und in Zucker getaucht werden. Noch warm sind sie ein himmlischer Happen. Bei einer Straßenküche probieren wir Msemmen, eine Kombi aus Pfannkuchen und Fladenbrot, das buttrig und geschichtet ist, und Harcha, ein herzhaftes Pfannenbrot aus Grieß.

Wir kosten Maakouda (knusprige Kartoffelplätzchen) als Füllung in einem Brot mit scharfer Sauce, und Kamal drückt mir einen Marokkanischen Bocadillo in die Hand – ein baguetteähnliches Brot, gefüllt mit gegrilltem Fleisch, Pommes und Salat. Ein monumentales, herrlich ungesundes Meisterwerk. An einem winzigen Stand schlürfen wir die bereits erwähnte Harira, die hier noch intensiver und kräftiger schmeckt als auf dem großen Platz.

Der Höhepunkt ist ein unscheinbarer Laden, der nur Tayb wa Hari verkauft. Es handelt sich um einen warmen Kichererbsen-Snack, gewürzt mit Kreuzkümmel und Paprika, der aus Papiertüten gegessen wird. Einfach, billig und umwerfend lecker. Diese Tour ist keine Mahlzeit, sie ist eine Entdeckungsreise. Sie zeigt, dass das wahre kulinarische Herz der Stadt in diesen kleinen, oft übersehenen Läden schlägt.

Ausflüge: Wind, Meer und baumkletternde Ziegen

Nach einigen Tagen in der drängenden Hitze der Stadt sehne ich mich nach einer Brise. Kamal rät zu einem Tagesausflug nach Essaouira. Die Fahrt durch die karge Landschaft ist schon ein Erlebnis. Plötzlich ruft der Fahrer: „Schaut!“ Am Straßenrand, auf den knorrigen Arganbäumen, sitzen tatsächlich Ziegen. Sie klettern auf die Äste, um an die begehrten Arganfrüchte zu gelangen. Es ist ein so surreales Bild, dass ich für einen Moment an meinem Verstand zweifle. Aber nein, dort sitzen sie, die baumkletternden Ziegen Marokkos.

Essaouira selbst ist die perfekte Antithese zu Marrakesch. Die „Stadt am Meer“ ist vom Atlantikwind durchpustet, ihre Medina (zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörend) ist in pastellfarbenen Blau- und Weißtönen gehalten und wirkt entspannt und luftig. Die Essaouira Skala, die historische Festungsanlage am Meer, bietet atemberaubende Ausblicke auf die tosende Brandung.

Im sehenswerten Fischerhafen herrscht geschäftiges, aber geordnetes Treiben. Die blauen Boote liegen dicht an dicht, und der Geruch nach Salz, Algengeschmeiß und Fisch liegt in der Luft. Direkt am Kai brutzeln einfache Grillstände den fangfrischen Fisch direkt vom Grill. Man wählt seinen Fisch aus den auf Eis liegenden Kisten aus, und Minuten später liegt er gegrillt mit frischem Brot und Salat vor einem. Einfach, ehrlich und fantastisch.

Ein Besuch im Dar Souiri, einem Kulturzentrum in einem alten Kaufmannshaus, rundet den entspannten Tag ab. Essaouira ist die beruhigende Auszeit, die man nach dem Marrakesch-Adrenalin braucht.

Ich sitze am letzten Abend wieder auf meiner Dachterrasse, den Blick über die nun dunkle, nur von vereinzelten Lichtern erhellte Medina schweifen lassend. In meinem Rucksack knistert das Marmorpapier-Notizbuch, meine Geschmacksknirpse erinnern sich an Sfenj und Tayb wa Hari, und meine Ohren summen noch immer vom Platzgetümmel. Ich bin erschöpft, bereichert, verunsichert und begeistert zugleich. Marrakesch hat mich nicht kalt gelassen. Es hat mich durchgeschüttelt, wie eine seiner Gewürzdosen. Und ein wenig von diesem Staub, diesem Duft und diesem pulsierenden Rhythmus werde ich mit nach Hause nehmen. Insh’allah.

copyrights: Philip Duckwitz und Unsplash

Philip Duckwitz
Philip Duckwitz ist Reisejournalist und Weltenbummler. Als Germanist und Politologe volontierte er in einem Bonner Fachverlag, bevor er sich 2007 aufmachte, die Welt zu erkunden und zu beschreiben. Ansässig im malerischen Lennep im Bergischen Land zieht es ihn hinaus in die Welt. Jährlich bereist er fast alle Kontinente, entdeckt Kulturen und unbekannte Länder neu und erzeugt damit Fernweh und Reiselust.

You may also like

Comments are closed.